Semesterkonzert am 26. Juni 2016 - LVZ vom 28.06.2016

"Nein, das Leipziger Universitätsorchester hatte sich wahrlich keinen leichten Gegner ausgesucht. Gemeint sind damit nicht die Stücke, die am Sonntagabend im Großen Gewandhaussaal zu erleben waren, sondern der Umstand, dass zeitgleich bei der EM-Achtelfinalpartie Deutschland – Slowakei der Ball rollte. Das mag neben bestem Sommerwetter ein weiterer Grund gewesen sein, warum nicht so viele Zuhörer wie sonst den Weg in den vollklimatisierten Konzertsaal fanden. Diejenigen, die kamen, dürften ihre Freude gehabt haben – und das nicht nur beim mittlerweile traditionellen Zugaben-Spaß, wo zu Aram Chatschaturjans Säbeltanz die szenische Umsetzung gleich mitgeliefert wurde.

Man kann den Musikern da nur Recht geben, denn schließlich entstammt der zum Klassik-Hit avancierte Tanz dem Ballett Gayaneh. Komponiert in den 40er Jahren, ist das Werk in Handlung und Tonsprache ganz den ästhetischen Prämissen des Sozialistischen Realismus verpflichtet und fügt sich programmdramaturgisch geschickt zum Solokonzert des Abends: Dmitri Kabalewskis etwa zeitgleich entstandenem 1. Konzert für Violoncello und Orchester op. 49.

Der Gefahr, dass dessen Orientierung an russischer Volksmusik ins Naiv-Kitschige umschlägt, begegnet Moritz Klauk mit einem vibratoarmen, kühlen Ton. Der 1993 geborene Berliner, derzeit Student in der Celloklasse von Peter Bruns an der HMT Leipzig, spielt klar und unprätentiös, formuliert die Kadenz im zweiten Satz als innigen Monolog. Das flinke Laufwerk des tänzerischen Schlusssatzes klingt bei ihm nirgends verhuscht, auch nicht beim filigranen Wechselspiel mit dem Orchester, das ihn auch im hohen Tempo flexibel und reaktionsschnell begleitet. Als Dank für lang anhaltenden Applaus gibt es Edward Elgars Salut d’amour in einer Bearbeitung für sieben Celli.

Vorausgegangen war dem Cello-Konzert Josef Suks Fantastisches Scherzo op. 25. Angelegt als Fin-de-Siècle-Walzer, vereint das Stück melodische Noblesse mit kompositorischer Brüchigkeit, das heißt, zur Walzerseligkeit gesellen sich Episoden bizarrer Fantastik. Mal gerät das Metrum ins Wanken und kippt in den 2/4 – Takt, mal irritieren grotesk verzerrte Blechbläsereinwürfe, die aus einer Mahler-Sinfonie entlehnt sein könnten. Einmal tönen Choralklänge wie aus ferner Zeit, ein anderes Mal stimmen die Holzbläser eine Pastorale an. Kurzum: Der Walzer wird teils bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, steigert sich zu musikantischer Ausgelassenheit und führt sich im tumultuarischen Ende selbst ad absurdum. Hier und da hätte das etwas kontrastreicher musiziert werden können.

Nichts schuldig blieb das Universitätsorchester hingegen bei Rachmaninoffs Sinfonischen Tänzen op. 45. (...) Unter dem energischen Dirigat Frédéric Tschumis bleiben bei den noch so gewaltig aufgetürmten Klangmassen polyphone Durchhörbarkeit und dynamische Gesamtbalance gewahrt – gerade im letzten Satz, in den der tiefreligiöse Rachmaninoff emblemartig das Dies Irae – Motiv einarbeitete."
Werner Kopfmüller